Magnolia Filmanalyse
Magnolia darf meiner Meinung nach in keiner DVD-Sammlung fehlen. Ein Muss für jeden Filmfreund.
Paul Thomas Andersons Werk hat mich immer wieder fasziniert und gleichzeitig zum grübeln gebracht.
Meine Interpretation kurz und knapp formuliert:

Magnolia (Paul Thomas Anderson - USA 1999) erzählt parallel neun Handlungsstränge. Die Erzählungen der neun Hauptfiguren und dazugehörigen Nebenfiguren sind miteinander verknüpft, bilden aber jeweils eine eigene Einheit.
Der Film beginnt mit einem Prolog, in der ein Erzähler aus Zeitungsmeldungen unglaubwürdige Zufälle zitiert und den Rezipienten darauf aufmerksam macht, dass solche Zufälle nicht manchmal und einfach so passieren, sondern grundsätzlich Teil unseres alltäglichen Lebens sind. Hiermit wird bereits eines der Hauptthemen in Magnolia angesprochen: Schicksal und Zufall.
In einer Erzählstruktur, die sprungartig zwischen den einzelnen Figuren wechselt, werden die Verbindungen der Handlungsstränge anschaulich gemacht. Die verschiedenen Protagonisten lassen sich auf zwei Gruppen aufteilen, in der die jeweiligen Figuren engere Verknüpfungen zueinander haben. Über Umwege und Ecken besteht zwischen den beiden Gruppen eine Vernetzung. Identische Motive sind in beiden Gruppen vorhanden. Da gibt es zwei ältere Männer, die beide an einer Quizshow, in der Kinder gegen Erwachsene antreten, beteiligt sind. Geprägt von ihrer Krankheit und im Angesicht des Todes suchen sie den Kontakt zu ihren verlorenen Kindern. Es besteht der Wunsch nach Versöhnung, was neben dem Aspekt des Schicksals und Zufalls ein weiteres Leitthema ist. Die Vergehen der Männer im sexuellen und moralischen Bereich führte zu einer Fehlentwicklung ihrer Kinder. Genauso gibt es in beiden Gruppen das Motiv von Kindern, die von ihren Eltern finanziell benutzt wurden: zum einen ein ehemalige Quizgewinner und zum anderen ein gerade daran teilnehmender Junge. Neben den Opfer- und Täterrollen sind auch die „Helfer” vertreten: ein Polizist und ein Krankenpfleger. Beide tragen zu positiven Auswirkungen in den geschädigten Beziehungen bei.
Alle Figuren besitzen eine Beziehung oder Verknüpfung zur Quizshow, die während des Filmes stattfindet und in diversen anderen Sequenzen am Fernseher zu sehen ist. Dies ist ein identisches Element in allen Figuren.
An drei Stellen wird die Bibel zitiert: „We may be through with the past, but the past ain’t through with us.” Ein Hinweis auf das Leitmotiv von Magnolia: die Verarbeitung geschehener Missstände.
Sobald jeder Handlungsstrang am emotionalen Höhepunkt steht, gießt es Frösche vom Himmel. Der Froschregen stellt zum einen den Bezug zur Zufalls- und Schicksalsfrage her, doch ist die Symbolik weitaus umfangreicher interpretierbar. Während des gesamten Films erscheint in sämtlichen Situation die Zahl 82 (z.B. Nummer eines Flugzeuges, Uhrzeit eines Kongresses, Punktestand oder die zufällige Anordnung eines Seils, was die Nummer 82 ergibt etc.). Die Bibel erzählt im Exodus 8 Vers 2 die Geschichte von der Froschplage in Ägypten. Die 7 Plagen waren die Konsequenz der Versklavung Moses’ und seines Volkes. Der Pharao ließ Moses’ Volk nicht frei und kooperierte erst nach der Plage. Das Motiv von Machtausübung und gewünschter Entlassung aus einem Zwangsverhältnis ist hier erkennbar. Doch steht der Film quer zur Bibel und das Bild geht nicht auf, denn der zwangausübende Pharao wünscht keine Abbitte und muss selbst zur Aufgabe gezwungen werden. Oder andersherum: Wenn die Alten mosesähnlich um Entlassung vom Vergangenheitszwang bitten, erscheinen die Kinder als ihre Väter versklavende Herrscher.
Während des Froschregens erlangt einer der beiden alten Väter die Vergebung des Sohnes und stirbt unbelastet von Reuegefühlen. In der anderen Gruppierung scheitert der Vater, welcher seine Tochter sexuell missbrauchte, an der Versöhnung. Er beschließt sich mit einem Kopfschuss das Leben zu nehmen, wird aber davon abgehalten, als ein fallender Frosch den Schuss ableitet. Der Schuss trifft den Fernseher und führt zu einem Kurzschluss, was andeutet, dass er in den Feuerflammen umkommen wird. Er wird für seine Tat „in der Hölle brennen”.
Durch eine gute Koordination der Bewegungen von Figuren und Kamera kommen viele Bilder mit wenigen Einstellungen oder gar nur einer Einstellung aus. Viele sanfte Kamerabewegungen über Dolly und Steadycam sowie Kranaufnahmen und die sorgfältig geplante Choreographie verleihen dem Geschehen einen flüssigen Verlauf. Der Rezipient wird sich der Techniken gar nicht bewusst und fühlt sich in die Handlung miteinbezogen.
Im Laufe des Filmes werden die Verknüpfungen der einzelnen Handlungsstränge deutlicher. Die Länge der Szenen einer Figur wird kürzer, da diese mehr und mehr im Zusammenhang der anderen Figuren stehen und somit untereinander Bezüge hergestellt werden. Die Geschwindigkeit des Schnittrhythmus steigt kontinuierlich an. Nach einer Sequenz gibt es keine Verweildauer oder einen Ausklang des Moments. Das Geschehen wird sofort durch harte Schnitte mit einem weiteren Handlungsstrang fortgesetzt. Oft wird der Übergang von einer Figur zur nächsten über die Quizshow hergestellt, zur der alle einen Bezug haben (direkte Teilnahme oder über den Fernseher). Nach der Froschplage folgt eine durch weiche Überblendungen erzeugte Montage aller Handlungsstränge: ein Symbol für die ausstehende Versöhnung. Magnolia ist fast vollständig mit Musik hinterlegt. Klassische Musik begleitet kontinuierlich das Geschehen und setzt sich bei Wechselschnitten zu anderen Figuren fort. Oft addiert diese sich mit anderer Musik, die klar einer Szene zugeordnet ist. Dialoge werden dadurch oft von der Musik übertönt und fordern zum genauen Hinhören auf.
Sowohl das genaue Hören als auch das genaue Sehen werden von den Protagonisten und vom Rezipienten gefordert. Versöhnung und Entlassung aus Zwangsverhältnissen verlangen genau dies, denn das passiert nicht einfach so.
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- Published:
- 03.04.08 / 3am
- Category:
- Analyse
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