Bildanalyse “Blinde Kinder beim Unterricht”

Um die Kunst der “bewegten Bilder” intensiv zu erleben, seine Struktur aufzuzeigen und seine Bedeutung zu erkennen, bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Medium.
Schon anhand einer Bildanalyse eines “einzelnen Bildes” wird die Vielfältigkeit des Mediums Film verständlicher.

Am Beispiel von August Sanders “Blinde Kinder beim Unterricht” untersuche ich das Photo auf den sichtbaren Bestand, der Komposition und der Interpretation.

August Sander
Das Schwarz-Weiß-Photo „Blinde Kinder beim Unterricht” um 1930 von August Sander (geb. 1876 in Herdorf an der Heller, gest. 1964 in Köln) stammt aus dem Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts”, welches ein weites Spektrum von Künstlerportraits und den damaligen Gesellschafts- und Berufsgruppen auf rund 600 Aufnahmen festhält.

Das Photo im Hochformat zeigt von der Bildmitte ausgehend drei blinde Mädchen im jungen Alter mit Büchern und thematisiert, wie sie mit der Blindheit umgehen. Vor einer Hausfassade aus Backsteinen sitzen die Mädchen in zeitgemäßer und voneinander gesellschaftlich unterschiedener Kleidung auf einer Bank und ertasten die Brailleschrift. Während die beiden Äußeren ihren gesenkten Kopf ins Buch kehren, richtet das mittig sitzende Mädchen mit einer Sonnenbrille ihren Blick ins Leere, als würde sie sich den Inhalt des Buches „bildlich” bzw. gedanklich ausmalen. Hinzu trägt sie eine deutlich hellere Strumpfhose als die anderen und auch ihr Blindenbuch unterscheidet sich durch die Größe und Dicke von denen der anderen Beiden. Den Mädchen ist es nicht möglich, die Füße auf dem Kopfsteinpflaster abzusetzen. Die Beine baumeln senkrecht in der Luft, wobei das linke Bein des mittleren Mädchens das rechte leicht überkreuzt.
In der rechts oben liegenden Ecke des Bildes ist im Anschnitt ein Fenster mit zugezogenen Vorhängen zu sehen. Direkt links neben dem Fenster befindet sich ein Hinweisschild auf eine Wasserleitung, welche auch bei genauem Hinsehen unter der Bank ansatzweise erkennbar ist.
Drei Figuren, die auf einer langen Bank sitzen, würden gewöhnlich im Querformat photographiert werden. Durch das Hochformat wirken die Mädchen wie ins Bild gequetscht und füllen vertikal gesehen das Bild nicht aus, wodurch der Betrachter eine eher distanzierte Haltung einnimmt. Auch die Blickrichtungen der Mädchen vermitteln keinen Kontakt zum Betrachter und stehen im Bild „für sich”. Ein distanzierter und neutraler Blick wird durch die leicht von oben herabschauende Sicht des Betrachters auf die Mädchen verstärkt.

Die kaum harten Schatten von den Füßen auf dem Kopfsteinpflaster lassen einen leicht bewölkten Himmel vermuten. Von einer gezielten Ausleuchtung ist nicht auszugehen. Trotz des diffuses Lichts und eines leicht ins Dunkle tendierenden neutralen Kontrasts wurde in einzelnen Elementen ein echter Weiß- und Schwarzpunkt getroffen und das Spektrum der Graustufen ausgereizt.
Die Blindenbücher, das Hinweisschild und die Fensterrahmen werden sofort als hellste Elemente erfasst, doch richtet sich der Blick schnell auf das Mädchen in der Mitte, da sie neben den optischen Unterscheidungen auch im Lichtverhältnis heller als die anderen erscheint. Durch die gesenkte Kopfhaltung der äußeren Mädchen werden die Gesichter weniger vom Tageslicht erfasst und ein Großteil des Kopfes von den dunklen Haaren eingenommen. Das Gesicht der Mittleren wird voll ausgeleuchtet. Durch das starke Kontrastverhältnis der Sonnenbrille zur hellen Gesichtshaut und durch die Zentrierung im Bild lenkt sie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Dies wird durch die helleren Hauswandfugen zwischen den Backsteinen über ihrem Kopf verstärkt.

Die auffallend vielen senkrechten und waagerechten Linien zwischen den Backsteinen in der oberen Bildhälfte bilden ein in sich gefestigtes, statisches Bildgefüge und vermitteln eine ruhige Ausgewogenheit. Die leicht diagonale horizontale Linienführung der Sitzbank, von links nach rechts absteigend, wird durch den Betonbalken, welcher das kleine Backsteingebilde von den großen trennt, deutlicher hervorgehoben und verleiht dem Bereich der blinden Mädchen eine stärkere Dynamik als dem oberen Bildbereich. Die Kleider der Mädchen beinhalten ebenfalls geradlinige und kontrastreiche Muster, werden aber durch den Stoff aufgelockert und verhelfen diesem Bildbereich zu größerer Bewegtheit. Der untere Bildbereich ist durch das Muster der Kopfsteinpflaster von gebogenen und kreisenden Linienführungen geprägt.
Bezüglich der Linienführung kann man von drei Bildzonen (Backsteinfassade, Sitzbank, Kopfsteinpflaster) sprechen, die voneinander abgegrenzt sind, jedoch nicht unharmonisch zueinander stehen. Von oben nach unten gesehen löst sich das „Gerüst” der Linien förmlich auf.
Betrachtet man die untere Kante des Betonbalkens hinter den Köpfen der Mädchen, ist deutlich zu sehen, wie diese Linie der Augenhöhe des in der Mitte sitzenden Mädchens und der anderen obersten Teil des Kopfes entspricht.
Vergleicht man die obere rechte Ecke mit dem mittleren Bildbereich, in dem sich die blinden Kinder befinden, so sind die sich zueinander verhaltenden Bildelemente sehr ähnlich.
Die Anordnung der äußeren Mädchen zur Mittigen steht im gleichen Verhältnis wie die linke und rechte Fensterhälfte zum mittigen Balken des Rahmens. Auch ist dieser deutlich heller als die Vorhänge. Genauso verläuft am unteren Rand der linken Fensterseite eine diagonale Linie, die der der Sitzbank entspricht. Die Anordnung des Klappstuhls am linken Bildrand zur Sitzbank und des Hinweisschildes zum Fenster verstärkt die alles verbindende Assoziation.
Sander spielt hier mit einem Absurdum. Ein visuelles Medium bildet blinde Kinder ab, welche keinen Zugang zu diesem Erfahrungsschatz bzw. Kommunikationsmedium haben und nie haben werden.
Wäre nicht das Hinweisschild an der Fassade, so würden wir wie die blinden Kinder die Wasseranlage höchstwahrscheinlich nicht sehen bzw. erkennen. Nur durch das Sehen des Schildes haben wir die Information, dass sich diese 55 cm von der Fassade entfernt befindet. Hier wird uns „vor Augen geführt”, was diesen Kindern vorenthalten bleibt.

Das Kopfsteinpflaster mit seinen kreisförmigen Strukturen verursacht eine dynamische Wirkung, wird also mit Bewegung assoziiert. Die Füße der Mädchen berühren den Boden nicht. Durch ihre Sehbehinderung ist ihnen die Bewegung „sichtlich” erschwert. Für sie gibt es einen instabilen Beweggrund. Umso sicherer sind ihre Wahrnehmungen mit allen anderen Sinnesorganen, die stärker als die unseren ausgebildet werden. Die stabile Linienführung durch die Fassade im Kopfbereich unterstreicht dies.
Das Fenster, ebenfalls geprägt von einer stabilen Linienführung, hat für die blinden Kinder keine Bedeutung. Wir schauen durch Fenster um zu sehen, brauchen Fenster um nicht im Dunkeln zu tappen. Die identische Anordnung des Fensterbereichs und des Bereiches der Sitzbank verdeutlicht wiederum den Unterschied der Stabilität in den Wahrnehmungen.

Durch das Sehen der Kleider sind wir in der Lage, den Unterschied der Gesellschaftsschichten zu erkennen. Wir können keine Bücher in Braille lesen, doch alleine durch das Sehen der Bücher können wir vermuten, dass das blinde Mädchen in der Mitte ein wahrscheinlich anspruchsvolleres Buch als die beiden anderen „liest”, da dieses vom Format kleiner, aber dicker ist und dies unseren sehenden Erfahrungen von Büchern entspricht. Durch die Bildgestaltung werden unsere Blicke auf das Mädchen aus der oberen Gesellschaftsschicht gelenkt. Sie steht „positiver” im Lichte. Die gehobene Kopfhaltung und ihre Augen auf der Höhe der Hinterköpfe der anderen symbolisieren ihren höheren Bildungsgrad. Gerade in den 30er Jahren gab es enorme gesellschaftliche Unterschiede, und wie in diesem Bild waren diese allein durch das Sehen erkennbar. Diese Mädchen haben durch ihre Behinderung keinen Zugang zu diesem Erkennungsmerkmal. Wir als Sehende sind oft durch das Schauen von Vorurteilen geprägt: eine Behinderung, von der die blinden Kinder nicht betroffen sind.

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