Nordwand auf Hochdeutsch

Gestern schaute ich mir im Kino den Film “Nordwand” von Phillip Stölz an. Ich will hier jetzt nicht auf den Film selber eingehen, denn Filmkritiken dazu sind allerhand vorhanden.
Aber im Gesamten bin ich sehr angetan, besonders weil der Film eine unheimliche Spannung erzeugt und einem die Hände schwitzen lässt.

Sehr kritisiert wurde, dass die zwei Hauptdarsteller (Benno FĂĽhrmann und Florian Lukas), welche die Berchtesgadener Bergsteiger Toni Kurz und Andi Hinterstoisser darstellen, keinen Dialekt sprechen (bis auf ein “Servus” ist wenig davon zu hören).

Dies ist auch mir sofort aufgefallen und die Kritik ist durchaus berechtigt, doch ist meiner Meinung nach ein wichtiger Faktor nicht berĂĽcksichtigt worden:

Einen Film zu produzieren bedeutet auch, an die Vermarktung und Besucherzahlen zu denken. Filme nach Lust und Laune zu drehen ist eine Illusion. Es gibt nur wenige von unabhängigen Regisseuren denen dies gestattet ist. Traurig wie es ist, doch die Quoten spielen in diesem Geschäft eine große Rolle, wenn nicht sogar die Grösste. Filmemacher müssen sich der Massentauglichkeit meist beugen, auch wenn es ihnen nicht lieb ist.

WĂĽrden Benno FĂĽhrmann und Florian Lukas bayrisch reden, wie es in Berchtesgaden gang und gebe ist, so wĂĽrden die Zuschauerzahlen drastisch sinken. Gerade bei einem Bergsteiger-Film wie Norwand, welcher den Bewohnern im SĂĽden Deutschlands eine bessere Identifikationsmöglichkeit anbietet als den Bewohnern im flachen Norden, hat selbst “ohne” Dialekt Schwierigkeiten VorfĂĽhrkopien im Norden zu vermarkten.

Als Beispiel: Ich wollte mir den Film gerne auf einer grossen Leinwand ansehen, also schaute ich als erstes im Programm vom Cinestar rein. Vergeblich! Aus Interesse schaute ich im Programm vom Cinestar im fränkischen Bamberg rein: Siehe da, der Film läuft zu sämtlichen Uhrzeiten!
Ich habe dann schließlich im Berliner Cinemaxx geschaut und bin der Suche fündig geworden. Doch als ich  der Kinosaal-Nummer folgte und immer mehr ins Untergeschoss, vorbei an den großen Kinosälen, an eine abgelegene Tür kam, wusste ich, was mich erwartet: Ein Pups-Kleiner Kinosaal, der gerade mal von einer Handvoll Menschen gefüllt war.

Wäre jetzt noch der Film im bayrischen Dialekt, so würde sich eine solche High-Budget Produktion keinsfalls rentieren und finanziell unheimliche Verluste einstreichen. Man könnte glatt eine Linie horizontal durch Deutschland ziehen und den Film nur in der unteren Hälfte vorführen.
Und wenn jetzt Benno Führmann und Florian Lukas wirklich bayrisch gesprochen hätten, so würden doch die Bayern meckern, da es doch kein wirkliches Bayrisch ist (man kann es auch wirklich niemandem zurecht machen).

NatĂĽrlich ist es schade dass in “Nordwand” die Autentität dadurch verloren geht, doch kann ich den Grund durchaus verstehen. Sich daran aufhängen und deshalb den Film als “schlecht” bezeichen, zeugt aus Unwissenheit des Film Millieu.

Selbst Fatih Akin, der heute ein gefeierter Regisseur ist, war nicht immer so unhabängig wie jetzt. Inzwischen kann er es sich leisten, mehrere Sprachen mit Untertiteln in einen Film zu packen. Doch denken wir mal an “Solino” aus 2002: Eine italienische Familie, welche in Italien deutsch spricht, nach Deutschland auswandert, immernoch deutsch spricht, und die Deutschen, welche auch deutsch sprechen und diese nicht verstehen, da sie eine andere Sprache sprechen!!!

Fatih Akin wollte urpsrĂĽnglich mit Untertiteln arbeiten, doch war ihm dies nicht gestattet. Grund: Die Quoten und ihre Massentauglichkeit!

Filme machen ist eine tolle Sache, doch wenn es keine Einnahmequellen mehr gibt, können auch keine Filme mehr gemacht werden.

Es lebe der unabhängige Film!

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