Visionale Hessen kann kein Web 2.0

Letztes Wochenende fand in Frankfurt am Main die Visionale statt.  Das JugendMedienFestival, wie es sich nennt, ist das grösste Medienfestival in Hessen.
Die Visionale fand im Gallus Theater statt und war an sich sehr gut organisiert. Die PR-Campagne, sei es Flyer, Programmheft oder Poster wirkten eindrucksvoll und professionell. Auch Moderatorin Daniela Cappelluti leitete das Publikum mit einer Hochglanzleistung durch das Programm. Dafür hätte es eigentlich einen Preis geben sollen.
Doch es sind gewisse Entscheidungen gefällt worden, die mich verärgern und meiner Meinung nach unaktzeptabel sind. Leider bin ich nicht der Einzige der diese Ansicht vertritt.

Das Sonderthema der Visionale in diesem Jahr war Web 2.0, wofür auch diese Seite nominiert wurde. Schon beim Betrachten der Festival-Homepage kamen bei mir leichte Zweifel auf, da eine Web 2.0 Veranstaltung die nominierten Seiten NICHT verlinkt. Auch entsprach der Inhalt der meisten Seiten nicht den Kriterien des Web 2.0.

Bei der diesjährigen Jury handelte es sich hauptsächlich um Personen aus dem sozialen und pädagogischen Bereich. Die Kommunikationsmöglichkeiten im Web 2.0 bieten für Pädagogen sicherlich einige Möglichkeiten und der Videoboom machte die Kategorie Web 2.0 zu einer sinnvollen Ergänzung eines Filmfestivals.  Nominierte Seiten wie Linnékids, Klasse 10c oder Hyperlinks gegen Rechts entsprachen jedoch nicht ganz den üblichen Web 2.0 Kriterien.

Die Seite YouthTV ist seit Juli tot. Vielmehr ist das Gästebuch mit Spam und Links zu nicht-jugendfreien und pornographischen Inhalten gefüllt (Ich möchte jetzt nicht auf das Gästebuch verlinken, mein Browser hat sich bei so viel Spam aufgehängt).
Da fragt sich, ob bei der Auswahl der eingereichten Webseiten der Inhalt wirklich gesichtet wurde.

Bei Garlett, was an sich eine sehr interessante Webseite ist, fehlt aber meiner Meinung nach neben Web 2.0 auch der pädagogische Aspekt.

Ich möchte hier nicht auf meine Seite aufmerksam machen, da auch hier der medienpädagogische Ansatz definitiv fehlt und nur dieser Blog als einziges Web 2.0 Element gesehen werden kann. Vielmehr möchte ich auf Mixstory hinweisen. Meiner Meinung nach die einzige Seite, die sowohl den sozialpädagogischen Ansatz als auch die Benutzung von Web 2.0 aufweist. Neben Garlett und mir waren die Macher von Mixstory auch die einzigen, die überhaupt anwesend, und somit in der Lage waren, ihre Seite zu präsentieren.
Wenn hier jemand einen Preis gewinnen soll, dann einzig und allein Mixtory.
Doch dem war nicht so: Den dritten Platz belegte Garlett; für den Zweiten wurden die Linnékids erkoren; und den ersten Platz gewann Hyperlinks gegen Rechts.

Meiner Meinung nach eine schlechte Entscheidung. Zumal die ersten beiden Plätze nicht mal zur Präsentation erschienen sind und hinzu noch in einem Wettbewerb namens Web 2.0 nicht die geforderten Kriterien erfüllen.

Den Preis für den Sonderwettbewerb wurde von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung spendiert, demnach natürlich Bildung bei den Preisträgern enthalten sein sollte. Wenn aber allein der pädagogische Wert eine Rolle spielt, darf man diesen Wettbewerb nicht mit Web2.0 betiteln.

Unglaubwürdig wurde die Entscheidung der Jury für mich, als bei einer Seite von Hyperlinks gegen Rechts der Name eines Jurymitgliedes (Adrian Oeser) auftauchte.

Nicht nur im Sonderwettbewerb, auch im Filmprogramm der diesjährigen Visionale bin ich der Meinung dass die Jury mit den Endentscheidungen ein etwas zu schweres Gewicht auf den pädagogischen Aspekt legte und somit Werke mit ästhetisch künstlerischem Gewicht zum Teil zu kurz kamen.

Michael Hazkiahu, Art Director, Gestalter und Gründungsmitglied der Werbeagentur Wolf und Motoori, musste seine Teilnahme an der Jury absagen und eine Auszubildende in der Mediengestaltung übernahm den Posten. Vielleicht war dies der entscheidende Verlust der Balance.

In der Kategorie Young Professionals habe ich meiner Meinung nach herausragende Filme gesehen. Um mal ein Beispiel unter vielen zu nennen:  “Kopfgeburtenkontrolle” von Jan Riesenbeck oder “Der Jäger und der Bär” von Joachim Brandeberg. Diese Filme hatten wenig Chance, wie gut sie filmisch auch gemacht sind, da sie sich nicht der aktuellen Politik oder Problematik widmen.

Auch dass “Von Küssenden Kanguruhs” von dem Jugendclub Fechenheim-Nord Frankfurt in der Kategorie 20-27 Jahre den dritten Platz belegt, ist mir nicht einleuchtend. Meiner Meinung nach ein Film, bei dem zwei unterschiedliche Filme, welche völlig bezugslos zueinander stehen, einfach aneinandergeschnitten werden (was selbst der Filmemacher im Interview bestätigte). Gefüllt mit sexuellen Provokationen, die meiner Ansicht nach völlig unbegreiflich sind. Provokation: Ja, aber es muss auch einen Sinn ergeben!

Natürlich wurden Filme gekürt, denen ich selber auch zustimmen würde. Doch war das Gewicht zu sehr auf die Medienpädagogig ausgerichtet. “Sweet Dreams” von der Filmgruppe der JVA Wiesbaden war filmisch gesehen schwach, doch berücksichtigt man den sozialen Hintergrund, bekommt der Film wieder eine ganze andere Bedeutung. Deshalb finde ich es generell schwierig, den filmischen Aspekt mit dem des Pädagogischen zusammenzubringen und unter einer Kategorie laufen zu lassen.

Genauso finde ich es leicht fragwürdig, dass realisierte Projekte des Gallus-Zentrums jedes Jahr mindestens einen Preis gewinnen.

So wie die Visionale dieses Jahr gelaufen ist, müsste es sich “Hessisches JugendMedienFestival für sozialpädagogisches Engagement” nennen. Filmemacher mit Wertschätzung auf die Kunst und der Meinung bei einem JugendMedienFestival zu sein, sollten sich bewusst sein, dass der pädagogische Ansatz eine große Rolle spielt, was an sich ja auch ein guter Aspekt ist. Nur sollte dies von vornherein betont werden.

Nichtsdestotrotz war die Visionale ein aufregendes Ereignis. Es ist ein sehr gut organisiertes Festival und sorgt für Abwechslung, bei dem jede Altersgruppe berücksichtigt wird.

Es lebe der unabhängige Film!

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