Filmanalyse | Letztes Jahr in Marienbad
Als Alain Resnais die fertig geschnittene Fassung von „Letztes Jahr in Marienbad” (franz. L’année dernière à Marienbad) dem Verleiher vorstellte, reagierte dieser entsetzt und entschied, den Film nicht in die Kinos zu bringen. Erst der Erhalt des Goldenen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig, zwang den Verleiher, den Film 1961 in den Kinos anlaufen zu lassen.

„Letztes Jahr in Marienbad” wurde prompt ein Kultfilm, den man gesehen haben muss, um einen eigenen Standpunkt gegenüber den vielen unterschiedlichen Sichtweisen einnehmen zu können.
Der Verleiher war wohl besorgt, dass eine Geschichte, die keine Auflösung bietet und durch ihre Komplexität nur schwer eine Interpretation ermöglicht, beim Publikum auf positive Reaktionen stoßen würde. Doch vielleicht ist es gerade das, was den Film so einzigartig machte, da der Zuschauer ein Teil des Filmes ist und somit die Geschichte selbst mitgestaltet.
Der Hauptprotagonist, welcher zugleich der Erzähler im Off ist und dessen Namen wir nicht wissen (In Alain Robbe-Grillet’s Drehbuch als „X” benannt), versucht in einem Barockschloss eine junge Frau (Im Drehbuch benannt als „A”) davon zu überzeugen, dass man sich vor einem Jahr begegnet sei, sich liebte und nun zusammengehöre. Doch trotz seiner detailreichen Überredungskünste lehnt diese die Vorkommnisse strikt ab und meint, sich nicht daran erinnern zu können.
Geschmückt mit detaillierten Aufnahmen des Barockschlosses durchläuft der Film surrealistische und nicht einzuordnende Wahrnehmungen, sei es Gegenwart, Vergangenheit, Traumvorstellungen oder gar Zukunft. Man weiß es nicht.
Mit welchen Interpretationsansätzen man in den Film auch einsteigt, mit jeder weiteren Szene können diese wieder verworfen werden oder auch tiefer greifen.

Alain Resnais sagte selbst erst kürzlich: „Wenn mir in meinen Filmen ein Bild einfällt, das ich nicht erklären kann, bin ich überglücklich.” Vielleicht ist es genau das, was der Film verkörpert: Das nicht erklärbare! - Bruchstücke von nicht erklärbaren Erinnerungen, Vorstellungen, Wahrnehmungen und Emotionen.
Sei es in der Literatur, der Musik oder in Filmen, - das meist behandelte Thema ist die Liebe. Sie bestimmt, ob unser Leben erfüllt ist und beschäftigt unser persönliches Interesse wie kein anderes. Wie die Liebe besteht auch „Letztes Jahr in Marienbad” aus Emotionen. Was in der Alltags-Realität als richtig und falsch erscheint, verliert in der Liebe oft seine Bedeutung oder kann nicht erklärt werden. Ist „Letztes Jahr in Marienbad” eventuell der Versuch, die unerklärliche Liebe durch Unerklärliches zu erklären?

Die Kameraeinstellungen in „Letztes Jahr in Marienbad” ermöglichen dem Zuschauer keine Raumvorstellung des Schlosses und des dazugehörigen Parks. Eher scheint es wie ein Labyrinth von endlosen Fluren und aneinander gereihten Türen. Man fühlt sich in einer rätselhaften Welt gefangen, in der keine Tür einen Ausgang bietet. Genauso erscheinen auch die zahlreichen Gäste: Rätselhafte Menschen, die steif und leblos wirken. Von deren Herkunft und Motivation erfahren wir nichts und wissen nicht einmal, ob diese auch schlafen, essen und trinken. Es scheint, als hätten sie keine Kreativität, Phantasie und Vorstellungskraft und versuchen demnach, Vorgegebenes nachzuahmen.
Wie leere Phantome ohne Innenleben „amüsieren” sie sich mit Spielen, belanglosen Gesprächen und leblosen Theaterstücken. Dem Äußeren entsprechend handelt es sich um sehr wohlhabende Gäste, doch ihren Gesichtern ist nicht die geringste Freude anzusehen.

Nur der Hauptprotagonist unterscheidet sich von allen anderen: Er wird von dem Gefühl er Liebe getragen. Dies macht ihn lebhaft und gibt ihm ein Bewusstsein mit einem Gedächtnis, welches ihm einen Weg durch das Labyrinth zeigt.
Auch die Frau, die der Protagonist begehrt, ist eine roboterhafte, starre Figur. Doch seine Liebe und Vorstellungskraft geben ihrem Wesen im Laufe des Films mehr und mehr Lebendigkeit. Ihre Stimme wirkt nicht mehr monoton, sie gibt Emotionen preis, und der gemeinsame Tanz beim Walzer hebt sich rhythmisch von den Anderen ab.

Trotzdem verneint die Frau wiederholt, ihn nie zuvor getroffen zu haben. Es ist die Angst, sich auf ein unbekanntes Gefühl, die Liebe, bzw. „Vergessenes” einzulassen. Der Mann liefert ihr ein Photo als Beweisstück, dass sie sich letztes Jahr schon getroffen haben. Später sehen wir, wie die Frau in einer Schublade dieses Photo in unzähligen Mengen besitzt. Dies zeigt, dass der Mann schon etliche Versuche wagte, immer scheiterte und dennoch nicht aufgibt. Seine Erinnerungen an die Frau mögen manipuliert und erfunden sein. Wir wissen es nicht und es spielt auch keine Rolle. Es geht primär um die Vorstellungskraft und Phantasie, die er in ihr Leben einhauchen will.
An einer Bar versucht er erneut, sie von den Erinnerungen zu überzeugen. Mit harten Schnitten wird zwischen der Bar und den Erinnerungsbildern gewechselt. Es scheint wie ein Kampf zwischen den dunklen Bildern der Bar und den hell erleuchteten Erinnerungsbildern, in dem zum Ende die „Erleuchtung” siegt.

Zum ersten Mal kann die Frau die Gedanken des Mannes visualisieren, ohne dass dieser etwas sagt. Die Visionen übertragen sich von einer Figur auf die Andere. Sie lässt ihr Glas fallen, welches auf dem Boden zerbricht. Das Eis ist gebrochen und die Augen der Frau werden berührt. Die bis dahin begleitende Orgelmusik, die an eine Beerdigung erinnert, wird nun von lauten Streichern unterstützt, gar übertönt und füllen den akustischen Raum mit Leben.
Zum ersten Mal sieht der Zuschauer aus einem neuen Blickwinkel: Die Sicht der Frau. Ihr Herz wurde mit Leben erfüllt und kann so ihren eigenen Weg durch das Labyrinth bestimmen. Ohne Liebe gab es kein Entkommen aus dem Labyrinth. Die Kamera folgt den Figuren auf Schritt und Tritt, als ob sie Gefangene kontrollieren würde.
Zum Ende geht der Mann mit der Frau in einen weiteren Saal und der Kamera wird der Zutritt verweigert. Sie bleibt stehen und lässt das Paar „frei”.
Aus meiner Sicht ist „Letztes Jahr in Marienbad” ein Hommage an die Liebe, welche nicht aufgibt und bis zur „Erfüllung” kämpft. Welche die Kraft und den Mut gibt, sich in ein Labyrinth ohne Gewissheit eines Ausweges zu begeben, um den geliebten Menschen von der Leblosigkeit zu „retten”.
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- Published:
- 21.06.10 / 12pm
- Category:
- Analyse, Filmgeschichte
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